Kürzere Erzählungen
Eine kleine Bootsfahrt
2005
Es geschah vollkommen unerwartet.
Mir blieb nicht einmal mehr die Zeit, eine Abfolge logischer Ereignisse, die zu diesem bedauerlichen Resultat geführt haben mögen, zu erkennen. So schnell, wie mein Leben beendet wurde, zog es noch einmal an mir vorüber.
Ich hatte keine Möglichkeit mehr, mich von Dir zu verabschieden, Dir zu sagen, dass ich Dich vermissen werde, dass ich vieles – hätte ich eine zweite Chance – anders gemacht hätte.
Ich sah Deine Augen vor mir und all die Tränen, die Du vergießen würdest.
So bestieg ich das Boot, das auf mich wartete, und segelte auf dem sturmgepeitschten Meer der Tränen davon.
Fetzen dunkler Erinnerungen waberten wie Nebelschleier über die aufgewühlte See. Voller Abscheu und Angst sah ich zum Teil grausam entstellte Leichen auf den Wellenbergen tanzen. Einige trugen mir bekannte Gesichter und schienen mir zuzuwinken.
Die wilde Fahrt ging unaufhaltsam weiter. Das Boot krachte von Wellental zu Wellental und schien unter den Belastungen bersten zu wollen.
Als sich der Sturm legte, glaubte ich, im verbliebenen Rauschen des Windes Dein Weinen zu erkennen. Es verklang, immer leiser werdend, in der Ferne, so wie das mir vertraute Ufer mit all seinen gelebten Höhen und Tiefen weit hinter mir im Meer versank.
Eine fremde Sonne stieg am Horizont auf und breitete ihre wohltuenden Strahlen aus.
Stille.
Todesstille.
Atemlose Stille.
Sie umgab mich, nahm mich in sich auf und verschluckte mich.
In diesem Moment
Der Unfall
Es musste ein furchtbarer Unfall gewesen sein. So furchtbar, dass ein mir eigener Mechanismus Einfluss auf meine zerebralen Funktionen genommen zu haben schien und die letzten Sekunden meines Lebens aus dem Gedächtnis gestrichen hatte. So grauenvoll mussten Eindrücke und Schmerzen gewesen sein, dass ich auch ohne diesen Blackout in einen Zustand der Bewusstlosigkeit gefallen wäre, um schließlich vielleicht an den Verletzungen zu sterben.
Ich geriet jedoch in diesem Augenblick des Vergessens auf eine andere Bewusstseinsebene – wohl ebenso kurz wie das Ausknipsen meiner Wahrnehmung im Moment dieses schrecklichen Ereignisses. Wenn ich hier von „schrecklich“ schreibe, meine ich es eigentlich nicht so. Es war letztlich nur ein Ereignis: eine Abfolge von Geschehnissen, die zu keinem anderen Ergebnis hatte führen können.
Ich blickte zurück – aus meiner sonderbaren Bewusstseinslage immer weiter und weiter. Dabei erkannte ich, dass bereits mit meiner Geburt, vielleicht sogar schon davor, ja unendlich lange davor, alle Ereignisse und Handlungen nichts anderes zuließen als genau diesen Unfall. Es war Ursache und Wirkung in einem unvorstellbaren Ausmaß.
Was mich jedoch irritierte, war, dass sich plötzlich weitere Ebenen des Sehens auftaten. In jeder einzelnen, kürzesten Sequenz meines Lebens tat ich etwas anderes und gelangte dadurch zwangsläufig zu einem anderen Lebensverlauf. Ich war bereits im Mutterleib gestorben, wurde an anderer Stelle niemals gezeugt oder starb kurz nach der Geburt. In anderen Möglichkeiten fuhr ich noch viele Jahre Motorrad und starb erst später eines friedlichen Todes.
Es waren unendlich viele Lebensstränge, die ich gleichzeitig wahrnahm – zu viele, um auch nur einen einzelnen vollständig zu verfolgen.
Auf einer weiteren Ebene erkannte ich, dass nicht nur meine eigenen Handlungen unterschiedliche Folgen hervorbrachten, sondern dass mein Leben ebenso von den Handlungen anderer bestimmt wurde. Alles ergab Sinn. Nichts war zufällig. Alles geschah genau so, wie es geschehen musste.
Es war ein unendliches Geflecht von Ereignissen, das ich während dieser kurzen Zeit meiner Bewusstlosigkeit wahrnehmen konnte. Mein an den Körper gebundenes Bewusstsein wäre an dieser Flut von Informationen mit Sicherheit zerbrochen. Nichts und niemand hätte sie überleben können.
Doch ich schien frei von meinem durch den Unfall zerstörten Körper zu sein.
Ich stieg immer weiter auf, und mit jeder Bewegung erweiterte sich mein Blick. Er reichte über die Grenzen unserer kleinen Erde hinaus zu den Bahnen der Planeten unseres Sonnensystems. Ich sah unter mir die Milchstraße und schließlich eine unendliche Vielzahl von Sternensystemen. Als ich auch diese hinter mir ließ, erkannte ich den Kosmos als mein Zuhause.
Auch hier war nichts zufällig. Alles war miteinander verbunden – ein schillerndes, leuchtendes Geflecht unendlich vieler Möglichkeiten, ineinander verschachtelt, jede einzelne fähig, unzählige Wirklichkeiten hervorzubringen. Und sie brachten sie hervor.
Wie man sich denken kann, war es nicht nur dieser eine Kosmos, sondern ihrer unendlich viele. Mehr darüber zu sagen, wäre sinnlos, denn dieser Bericht müsste dann selbst unendlich werden.
Was mir jedoch erwähnenswert erscheint, ist Folgendes:
Je unbedeutender mein kleines Erdendasein in diesem Sehen wurde, desto stärker entwickelte sich mein Ich-Gefühl. Irgendwann konnte ich sagen:
Das alles geschieht in mir. Das alles bin ich.
Die Wiederbelebungsmaßnahmen waren erfolgreich.
Bandagiert und mit zahlreichen Knochenbrüchen wachte ich in einem Krankenhaus auf.
Ich war danach nicht mehr der, für den ich mich zuvor gehalten hatte.
Ich sprach nicht mehr, war apathisch und auf lebenslange Hilfe angewiesen.
Was ich heute in schriftlicher Form vor mir liegen sehe, scheint von niemand anderem wahrgenommen zu werden. Vielleicht wird es jedoch anderswo – sollte mein Leben tatsächlich auch andere Verläufe genommen haben – gelesen und die darin enthaltenen, unglaublichen Erkenntnisse eines Tages verstanden.
Soylent Green – die überleben wollen
Der Film Soylent Green kam mir wieder in den Sinn. Nicht wegen seiner berühmten Schlusssequenz, sondern wegen der Frage, die bis heute nachhallt: Welchen Wert besitzt ein Mensch noch, wenn er nicht mehr produziert?
Diese Erzählung entstand im Jahr 2022.
Heute wurde mir klar, dass ich mit 68 Jahren und als Angehöriger der Risikogruppe keine besondere Rolle mehr in dieser Gesellschaft spiele. Ich fühle mich schlichtweg überflüssig. Ich produziere nichts mehr – außer vielleicht noch CO₂ und einige nicht systemrelevante Bilder.
Für uns habt ihr Jüngeren und Gesünderen auf so vieles verzichten müssen. Ihr tragt Masken, verzichtet auf Partys und Konzerte, könnt euch nicht mehr treffen oder umarmen, müsst Abstand halten, habt eure Existenz verloren – manche sogar ihr Leben. Und das alles nur, um uns Alte vor dem Virus zu schützen. So wurde es uns jedenfalls gesagt.
Die zweite, dritte und vierte Welle werden folgen. Weitere todbringende Viren werden unsere Gesellschaft bedrohen, und wieder werdet ihr bereit sein müssen, uns vor dieser unsichtbaren Gefahr zu schützen. So wird es von verantwortlicher Stelle gesagt und wir müssen uns an die notwendigen Maßnahmen halten und unser Leben entsprechend minimalistisch gestalten.
Um euch zu zeigen, dass auch wir bereit sind, solidarisch mit euch zu sein, schlage ich vor, all jene, die der Risikogruppe angehören, prophylaktisch von der Gesellschaft abzusondern.
Stünde nicht ausreichend Platz in ehemaligen Kasernen, Schulen oder sogar Schlachthöfen zur Verfügung, die sich mit geringem Aufwand herrichten ließen, um uns dort einzuquartieren und von euch, den Mehrwertschaffenden, zu isolieren?
Wir könnten dort lernen, mit Skype oder WhatsApp umzugehen, um den Kontakt zu euch aufrechtzuerhalten. Das sollten wir schaffen – auch wenn es uns schwerfallen mag. Schließlich müssen wir lernen, uns an das digitale Zeitalter anzupassen.
Allerdings wünschte ich mir ein Kino in diesen Anlagen. Ein Kino, in dem wir uns Filme wünschen könnten, die wir gesehen haben, als die Welt noch eine andere war.
Ich wünschte mir Naturdokumentationen mit grünen, rauschenden Wäldern, in denen ein röhrender Hirsch auf einer sonnendurchfluteten Lichtung steht. Einen Fluss, in dem sich Fische tummeln. Eiswüsten mit Eisbären und Pinguinen. Einen weiten blauen Himmel, in dem Greifvögel ihre Kreise ziehen. Ein Meer, so groß und atemberaubend, dass Delfine seine Oberfläche durchbrechen. Blumenwiesen, auf denen Kinder spielen – so wie ich einst.
Und über allem erklänge Beethovens Pastorale.
Ich würde in meinem Sessel sitzen. Tränen liefen über meine Wangen.
Dann würde ich die Augen schließen …
für immer.
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