Gedichte I
Ein Wunder
1990
Ein Wunder durchwehte mich,
liebkoste mit warmem Atem mein zitterndes Herz,
drang stürmisch in nie geschaute, unendliche Tiefen,
durchflutete alle sich ihm öffnenden Räume,
verwirbelte mich zu goldenem Sternenstaub,
verströmte sich in mir …
Ich gebar mich selbst.
Mein zitterndes Herz in der Hand,
und liebkoste es mit warmem Atem.
.
Einige Fragen
Sept. 1990
Hallo – ist dort jemand?
Ja, ich bin hier.
Es ist so dunkel hier.
Kein Licht der Welt könnte mich Dir sichtbar machen.
Es ist so atemlos ruhig hier.
Kein Medium der Welt könnte mich Dir hörbar machen.
Wer bist Du?
Ich bin Du.
Wer bist Du?
Ich bin Deine Zeit, das, was Du warst, was Du bist
und was Du jemals sein wirst.
Wer bin ich?
Du bist nichts weiter als der Gedanke an Deine Zeit.
Finde ich Dich in dem, was war, was ist oder dem, was
jemals sein wird?
Du findest mich jetzt. Du bist jetzt!
Bist Du das?
Nein.
Bist Du hier?
Nein.
Wer bist Du – wo bist Du?
Du findest mich dort, wo es keine Zeit und keine Worte gibt.
Du findest mich dort, wo ich nicht bin.
Und keine Fragen tauchten mehr aus der Ewigkeit ins Sein empor.
Ich tauchte aus dem Sein in die Ewigkeit hinab
Die Begegnung
1990
Nach unendlich langer Zeit – nach Ewigkeiten –
trafen wir uns unter dieser Laterne wieder.
Wir schlossen einander so fest in die Arme,
dass eine abermalige Trennung unmöglich schien.
Wir verschmolzen
in leidenschaftlichem Verlangen
miteinander.
Tief in Deinen allwissenden Augen
sah ich Universen glühen.
Dann verloren wir einander wieder.
Das Entsetzen darüber
war grenzenlos.
Und die Nacht
wollte ohne uns
kein Ende nehmen.
In verzweifelter Sehnsucht nach Dir
verzehrte ich fast alle meine Energien.
Sterne und Galaxien,
Leuchtfeuer aller Art,
die ich noch mit letzter Kraft,
geboren aus dem brennenden Verlangen nach Dir,
in der Dunkelheit anzuzünden vermochte,
erhellten die Nacht,
um Dir den Weg zu mir zu weisen.
Seither warte ich auf Dich.
Mit jedem verstrichenen Äon
sterbe ich schneller,
mit der unstillbaren Sehnsucht,
in meinem gebrochenen Herzen,
noch einmal,
unter jener Laterne,
tief in Deinen allwissenden Augen,
die Universen glühen zu sehen.
.
Dahin
2002
Vorbei an Dir.
Vorbei an mir.
Alles fließt
dahin.
Sind die Träume,
verschlungen die Wege,
Jahre verwirbeln zu Staub.
Die Versprechungen
nicht eingelöst.
Die Zukunft
wird Gegenwart,
vergeht
ganz unerwartet.
Ein nächster Tag,
frisch wie der Morgentau.
Glitzern tausend Sonnen im Gras:
Wie konnte ich mich so verlaufen
in Deinem Schatten,
der das Licht fraß?
.
Der Buddha
Beginn des Ersten Golfkriegs – Nacht vom 14./15. Januar 1991, 3:30 Uhr
Der Buddha saß in seiner Ecke,
als die Bomben weit, weit entfernt niedergingen.
Der Buddha saß lächelnd in seiner Ecke,
als die Nachrichtensprecher die Bombenteppiche
in unseren Wohnstuben ausrollten.
Der Buddha saß weise lächelnd in seiner Ecke,
als die Luft rußgeschwängert war
und das Krachen der Bomben die Wände erschütterte.
Der Buddha saß mitleidsvoll, weise lächelnd
dort, wo vormals seine Ecke war,
als ich ihm mit letzter Kraft den Ruß
von seiner goldenen Haut wischte.
Der Buddha sitzt allwissend,
mitleidsvoll, weise lächelnd
in seiner Ecke
in meinem Herzen.
Und nun breitete sich Stille aus.
Eine Mondnacht
2008
Abschied
Der Brunnen
2007
Auch ich sah in des dunklen Brunnens Tiefe
des blauen Himmels runden Widerschein
und warf hinab den großen, schweren Stein,
im Glauben, dass dort etwas Böses schliefe.
Als er dann tief des Himmels Blau durchbrach
und dunkle, schwarze Wasser sich erhoben,
da hörte ich, wie eine Stimme grollend sprach;
sie dröhnte laut von unten und von oben:
„Wie kannst Du mich aus meinem Schlaf erwecken?
So lang leb ich hier schon zurückgezogen
und niemals sollte jemand mich entdecken.
Jahrmillionen sind an mir vorbeigeflogen,
und muss das Urteil nun an Euch vollstrecken!“
So wurde unsere Welt
ins Schwarze Loch gezogen.
Deine Mitte
2008
Die Nacht ruht schwül und heiß,
der Wind versteckt in Deinem Haar;
von Palmen tropft Dein süßer Schweiß,
als ich heut Nacht in Deiner Mitte war.
In Wolken eingehüllt
Dein feuchter Leib,
der Mond umkreist Dich stündlich.
Die Liebe ist Dein Zeitvertreib,
Dein Leben für mich unergründlich.
Die Sterne nähren sich
an Deiner Brust,
der Himmel atmet schwer.
Die Sonne hat es immer schon gewusst
und taucht hinab ins rote Meer.
Und wenn in Deinem warmen Mund
die Welt beginnt, sich aufzulösen,
dann öffnest Du den dunklen Grund,
um mich von meinem Feuer zu erlösen.
So dank ich Dir
für diese Nacht.
Der Wind entweicht nun Deinem Haar.
Du hast mich auch
nicht ausgelacht,
als ich heut Nacht
in Deiner Mitte war …
Hochzeitstag
2010
Erschöpft lieg ich auf meiner alten Couch,
bin von der Arbeit wieder sehr geschafft.
Gleich werd ich von der Liebsten angeblafft –
retour, nun holt sie aus, schlägt zu – Autsch!
Frag mich: Werd ich zu Unrecht abgestraft?
Bin müde, aber froh nach Haus gekommen,
hab sie doch gleich auch in den Arm genommen.
Mein Gott – hat sie mich etwa doch entlarvt?
Was mag es wohl gewesen sein?
Ein blondes Haar? Ihr süßer Duft?
Bekenne schnell: Ich bin ein Schuft!
Es dunkelt sehr, fühl mich ganz klein.
Sie scheint von einem bösen Geist besessen,
das Küchenmesser bohrt sich in mein Herz.
Jetzt fällt’s mir ein: Heut ist der erste März –
ich hatte unseren Hochzeitstag vergessen….
.
Grauer Adler
2009
Ein kleines Kanu fährt den Fluss hinab,
die Wellen führen es hinaus aufs Meer.
In seine Brust getroffen von dem Speer,
treibt Grauer Adler in sein nasses Grab.
Im Hinterhalt hat man ihm aufgelauert,
er konnte nicht mehr um sein Leben kämpfen.
Sein Blut strömt aus der Wunde – unter Krämpfen
ruft er nach seinem Krafttier und erschauert
bei dem Gedanken, unerhört zu bleiben.
Soll seine Seele immer weitertreiben
und sich der Lebenskreis für ihn nicht schließen?
Ein grauer Schatten legt sich auf das Boot –
der Fluss färbt sich von seinem Blut schon rot
und wird nun ohne ihn zum Meer hinfließen.
Der Ausserirdische
.
ADLER
2008
Hoch oben in des Himmels Unbekümmertsein,
zieht ein Adler seine Kreise.
Am schroffen Hang steh ich allein
und würd die Welt gern seh’n auf seine Weise.
Ein ferner Ruf von ihm entsandt,
springt durch die Schluchten an mein Ohr.
Meinen Namen hab ich in dem Ruf erkannt,
und er durchdringt mich wie ein Engelschor.
Ich schau hinab ins dunkle Tal
und lös vom Felsen meine Krallen.
Der Adler oben ruft mich noch einmal –
nun breit ich meine Flügel aus und lass mich fallen.
Ich stürz hinab ins Tal, vorbei an grauem Felsgestein,
an morschen Tannen, die qualvoll sich zum Licht verbiegen.
Wollt eigentlich für immer frei und nah der Sonne sein,
doch bleib zerschmettert auf der kalten Erde liegen.
Ein letzter Blick hinauf ins Himmelszelt –
mein Herz hört auf zu schlagen.
Ein zweiter Adler hat sich nun hinzugesellt
und lässt sich unbekümmert durch die Lüfte tragen.
Donnervogel
2007
Der Donnervogel auf des Berges Gipfel hockte,
ganz weit oben und der Sonne nah.
Er wusste kaum noch, was ihn hierher lockte –
war wie betäubt von dem, was er nun sah.
Die Vögel drunten sammelten sich in ihrem Baum,
um ihm bei seinem Aufstieg zuzuschau’n.
Gleichtun wollt‘ er’s den Brüdern und den Schwestern –
so oft hat er’s versucht und ist nur gescheitert.
Sie stiegen auf gen Himmel, kannten jeden Stern –
sein Bemühen hat sie nur erheitert.
Sie konnten hoch in freien Lüften schweben –
doch was er auch versuchte, ließ die Erde beben.
Die Beine lang, die Flügel kurz –
bei jedem Flugversuch kam es zum Sturz.
So bot sich dieser Berg, der in den Himmel wuchs,
wohl an, ihn früh im Morgengrauen zu besteigen.
Wenn’s anders nicht gelingen kann – versuch’s!
Und ohne sich noch einmal umzuschauen,
macht‘ er sich auf, die Sonne zu umarmen,
als schon die ersten Vöglein angeflogen kamen.
Er stieg hinauf, hinauf dem Licht entgegen,
begleitet von der zwitschernd bunten Vogelschar.
Tief in sich fühlte er des Gottes Horus‘ Segen,
der nun für immer bei ihm war.
Sein Herz wollt‘ bersten ihm in seiner Brust –
kein andrer schafft’s, ich hab es immer schon gewusst!
Als er dann staunend auf des Berges Gipfel hockte,
schien sich die Welt unendlich auszudehnen.
Das erste Mal in seinem erdgebund’nen Leben
hatte er das Vogelsein in sich erfahren – sein Atem stockte …
und sang. Die Augen füllten sich mit Tränen.
Nun wollt‘ er noch nach Höh’rem streben.
Die Flügel spannt‘ er groß und mächtig –
kein Vogel jemals vor ihm war so schön und prächtig.
Betäubt schien er der Allmacht Horus‘ zu erliegen.
Die Vöglein sahen seinen Sprung – er musste fliegen!
Als er schon tot dann donnernd auf die Erde krachte,
war niemand da, der über ihn noch lachte.
In Federn wurd‘ sein Leichnam weich und zart gebettet –
vom DONNERVOGEL sangen sie.
Er war der Letzte seiner Art.
.
Wakinyan
Der Donnervogel (Lakota)
2008
Reglos saß er oben auf dem Gipfel des höchsten Berges,
den großen Schnabel verborgen in seinem Federkleid.
Schwerelos trieben weiße Cirruswolken an ihm vorüber.
Tagsüber brannte sein Gefieder im heißen Atem der Sonne,
des Nachts peitschte ihn der kalte Wind mit Nadeln aus Eis.
Viele, viele Jahrhunderte hatte er so schlafend verbracht.
Die Welt unter ihm hatte sich immer mehr verändert.
Farb- und illusionslos breitete sie sich unter ihm aus.
Riesige, leblose Vögel aus Stahl zogen lärmend an ihm vorbei.
Graue Betonlandschaften hatten die grünen Wälder verdrängt.
„Wakinyan! Wakinyan!“ So wurde er geweckt.
Langsam, sehr langsam hob er den Kopf,
und seine scharfen Augen erfassten das Erdenrund.
Majestätisch richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.
Er spannte seine Flügel, und sie beschatteten die Welt.
„Wakinyan! Wakinyan!“ So wurde er gerufen.
Der Fels unter seinen Krallen brach polternd ins dunkle Tal,
als er sich schwer atmend in die kalten Lüfte erhob.
Der Schlag seiner Flügel trieb die Wolken auseinander,
und der Donner lief brüllend vor ihm her.
Blitze zischten, Schlangen gleich, aus seinen feurigen Augen
und entflammten das Firmament.
„Wakinyan! Wakinyan!“
Von überall her hörte er seinen Namen rufen.
Die Steine riefen ihn, die Gräser, die Blumen,
die Bäume, die Tiere im Wasser, zu Land und in der Luft.
Es waren auch einige Menschen, die sich seiner erinnerten.
Nun wird er für lange Zeit nicht mehr schlafen können.
Liebesgedicht 1 und 2
Liebesgedicht I
2007
Vor langer, vor so unendlich langer Zeit
wurden wir von den Wellen unserer Gefühle
an alle denkbaren und undenkbaren Ufer des Lebens getragen.
Wir sprangen wie kleine Fische, im Sonnenlicht glitzernd,
über den Ozean unserer Liebe.
Wie Möwen glitten wir durch den Sturm unserer Leidenschaften.
Niemals haben wir uns aus den Augen verloren.
Wir wären gemeinsam im tiefen Ozean ertrunken,
gemeinsam aus atemberaubenden Höhen abgestürzt
und gemeinsam in der Glut der Sonne verbrannt.
Bis dann der Abend nahte und die Sonne im Meer versank,
der Sturm sich legte und wir uns in der Dunkelheit verloren.
Eisige Kälte breitete sich aus.
Langsam, ganz langsam begann der Ozean,
sich mit einer Eisschicht zu bedecken,
um bald darauf bis auf den Grund zuzufrieren.
Jegliches Leben wurde vernichtet.
Getrennt saßen wir an fernen Ufern.
Zitternd und vor Angst erstarrt
hielten wir in der Dunkelheit Ausschau nacheinander.
Berstend schoben sich die vereisten Wellen an die Gestade
und türmten sich wie riesige Gebirgslandschaften vor uns auf.
Wir waren für immer voneinander getrennt.
Das Rufen unserer Namen hatten wir eingestellt
und wurden langsam von einem Eispanzer eingeschlossen.
Reglos warteten wir,
weit voneinander entfernt,
auf unser Ende.
Wir hatten uns geschworen,
gemeinsam unterzugehen,
gemeinsam abzustürzen
oder gemeinsam zu verbrennen.
Geschworen hatten wir es uns!
Hoch und heilig geschworen!
Eine letzte gemeinsame Träne weinten wir,
so fern voneinander.
Sie war so heiß,
so voller Mitgefühl und Sehnsucht,
dass sie unseren Eispanzer zum Schmelzen brachte,
in den gefrorenen Ozean fiel
und dieser nun aufzutauen begann.
Die Sonne ging auf am Horizont.
Und im warmen Wind
fingen die Möwen an zu tanzen.
Ich sah Dich winken
am Ufer einer anderen Welt.
Nun müssen wir nur noch zueinander finden.
Mallorca, 2008
Liebesgedicht II
24.07.2011
Wir hatten uns zugewunken und zugerufen,
getrennt an weit entfernten Ufern.
Wir versuchten,
den eiskalten Ozean zu überwinden,
und kämpften gegen die Wellen an,
die immer höher und höher wurden.
Stürme peitschten unsere erschöpften Gesichter,
während wir unsere Köpfe
nur mit Mühe über Wasser halten konnten.
Wir konnten uns nicht mehr sehen.
Nur vereinzelte Möwen gaben Nachricht,
dass jeder von uns versuchte,
das Unmögliche möglich zu machen.
Die Möwen verloren sich am Horizont,
und ihr immer seltener werdendes Erscheinen
kündete von der Aussichtslosigkeit unseres Unterfangens.
Nur kalter Wind
und haushohe Wellen …
Mir schwinden zunehmend die Kräfte.
Das Wasser scheint mich nicht mehr tragen zu wollen,
und ich spüre,
wie mich der Sog der Tiefe erfasst.
Ein letzter Blick,
bevor mich die Kräfte verlassen.
Da sehe ich Dich
auf einer kleinen Insel,
ganz abgekämpft,
aber wohlbehalten.
Du schaust in die Weiten des Ozeans,
und ich weiß,
dass Du mich nicht vergessen wirst.
Liebesgedicht II
24.07.2011
Wir hatten uns zugewunken und zugerufen,
getrennt an weit entfernten Ufern.
Wir versuchten,
den eiskalten Ozean zu überwinden,
und kämpften gegen die Wellen an,
die immer höher und höher wurden.
Stürme peitschten unsere erschöpften Gesichter,
während wir unsere Köpfe
nur mit Mühe über Wasser halten konnten.
Wir konnten uns nicht mehr sehen.
Nur vereinzelte Möwen gaben Nachricht,
dass jeder von uns versuchte,
das Unmögliche möglich zu machen.
Die Möwen verloren sich am Horizont,
und ihr immer seltener werdendes Erscheinen
kündete von der Aussichtslosigkeit unseres Unterfangens.
Nur kalter Wind
und haushohe Wellen …
Mir schwinden zunehmend die Kräfte.
Das Wasser scheint mich nicht mehr tragen zu wollen,
und ich spüre,
wie mich der Sog der Tiefe erfasst.
Ein letzter Blick,
bevor mich die Kräfte verlassen.
Da sehe ich Dich
auf einer kleinen Insel,
ganz abgekämpft,
aber wohlbehalten.
Du schaust in die Weiten des Ozeans,
und ich weiß,
dass Du mich nicht vergessen wirst.
