Gedichte IV

Feuervogel

Mallorca 2008

 

Am Himmel hoch
seh ich Dich fliegen,

mit Federn
glühend hell
im Sonnenschein.

Im Flug
die Dunkelheit besiegen –

bist frei
für immer
und mit Dir allein.


Dem Abendrot
nimmst Du den Glanz,

sobald
Dein Federkleid
in Flammen steht.

Die Schatten
tanzen
ihren letzten Tanz,

wenn die Nacht
in Deinem Licht
vergeht.


Die Dämonen,
die die Welt bedrohten,

sind mit Dir
im Flammenmeer
verbrannt.

Deine Asche
legt sich
auf die vielen Toten

und sind so
für immer
aus dem Licht verbannt.


Doch Du steigst auf
mit flammendem Gefieder –

ich wink Dir zu.

Wann sehe ich Dich wieder?

.

.

Erlösung

2010

 

Im Geäst
an Nabelschnüren,

mutterlos
und selbstvergessen.

Nebel wabern
uferlos;

Zimmer
ohne Türen.


Bilder
wie vom Wahn besessen.

Totgeburt
in altem Schoß.

Schwefeldämpfe,
Natternkot,

Ziegenpisse,
Eingeweide.


Ausgekotztes,
Unverdautes.

Brodelndes
Arterienrot.

Haut
wie weiße Kreide.

Dunkelheit
und nichts Vertrautes.


In den Venen
toben Ratten.

Sedative,
weiße Schatten.

Im Zylinder
wölkt das Blut.

aah!

Nun verbrenne ich
in heißer Glut.

Alter Mann

2009

 

Als ich heut Morgen
in den Spiegel schaute,

war der,
der sonst mir
in mein Antlitz strahlte,

ein anderer,
der unverhohlen prahlte,

dass er wohl niemals,
so wie ich,
ergraute.


Der Schock
fuhr gleich
in meine müden Knochen,

und glaubte
einer Täuschung
zu verfallen,

denn hörte
seine Worte
widerhallen,

als wurden diese
von mir selbst
gesprochen.


Dem war nicht so,
ich kann es Euch versichern.

Er glotzte nur –

frech fing er an
zu kichern:

„Du alter Mann,
brauchst Dich
nicht schön zu machen –

Du gehst,
und meine Zeit
ist nun gekommen!“

Ich sah ihn an
und fühlte mich
beklommen.

Dann fing er
markerschütternd
an zu lachen …

Damals

2004

 

Damals,

als sich die Wolken teilten

und die ganze Welt
zu neuem Leben erwachte,

lag ich im Gras

und zählte die Sterne.

Asche

2011

 

Brennen sollte Gott für immer, ungerechter;

brennen sollten Vater, Mutter
und die Schwester.

Hitler, Stalin, Bush
und all die anderen Schlächter

band er am Pfahl zusammen,
immer fester

und ließ das trockne Reisig
Feuer fangen.

Stieß dann noch viele andre,
ihm Verhasste,
in die Glut.

Er schrie:

„Seht,
wie sie jetzt brennend
um ihr Leben bangen!“

Und wie ein Derwisch
tanzte er
in seiner Feuerwut.


So hat er
all die Jahre lang gewütet

und sich
dem blinden Hass
verschrieben.

Die „Bösen“
blieben weiter
wohlbehütet,

doch er
wurd in die Raserei
getrieben.


Ganz spät erst
wurde ihm bewusst:

„Ich hab mich selbst
in Brand gesteckt!“

Dann wich die Hitze
ihm aus Kopf und Brust

und wurde
zeitig noch
aus seinem Wahn geweckt.


Das Feuer,
das er jahrelang entfachte,

erlischt als Glut,
die in der Asche schwelt.

Die Sonne,
die selten nur noch
für ihn lachte,

hat sich,
zu spät bald,
aus dem dunklen Qualm geschält.


Sie lacht jetzt strahlend
ihm ins müde Angesicht.

Selbst ist sie
nicht gealtert
und hat sich auch
nicht fortbewegt.

Ergeben folgt er,
rußgeschwärzt,
nun ihrem hellen Licht,

bis seine Asche
irgendwann
sich auf die Erde legt.

Das Meer

Oktober 1990

 

Die Wellen
schlugen dort
aufs Land,

wo einst
ich meine Heimat
fand.

Ich konnt es ihnen
nicht verwehren;

es war wohl
ihr natürliches
Begehren.


In aller Eile
hab ich mir
ein Floß gebaut,

mich dann
von See her
nochmals umgeschaut.

So tanzte ich
für lange Zeit
auf Floßes Planken,

dorthin,
wo viele
vor mir
schon ertranken.


Auch ich
konnt diesem Schicksal
nicht entgehen –

doch konnte
einmal noch
vom Meeresgrund
nach oben sehen

und sah die Sonne
sich in Lichtkaskaden

auf der Wasseroberfläche
baden …

Das Fußbad

2009

 

In einem warmen Bad
wollt‘ ich mir
meine Füße pflegen,

des Tages Mühen
so vergessen.

Mein Vorsatz
war wohl
sehr vermessen:

ich wollt‘ danach
zum Schlafen
mich hinlegen.


Da raschelt’s leise
unterm Küchentisch.

Ein feines Trippeln
ist zu hören.

Bei Gott,
ich könnte schwören,

dies ist bestimmt
ein Knabberfisch.


Ich wage kaum mehr
Luft zu holen.

Mein Körper
ist wie eingefroren.

Die Angst
tropft feucht
aus meinen Poren –

da knabbert’s schon
an meinen Sohlen.


Schreckensbleich,
dem Schicksal
ganz ergeben,

wag ich den Blick
nach unten
nun zu senken

und kann
an eines
nur noch denken:

ich möchte
diesen Tag
heut überleben.


Was meine Augen
nun zu sehen bekommen,

ist wie gelebte
kafkaeske Phantasien:

die Beine
abgeknabbert
bis zu meinen Knien;

ich bin
vor Grauen
wie benommen.


Im Zimmer
wimmelt es
von Knabberfischen,

die schäumend
auch in meinem Fußbad
toben.

Sie fressen sich
an meinen Beinen
ganz nach oben –

so kann ich
dieser Höllenbrut
nicht mehr entwischen.


Dies Fußbad
wird dann wohl
mein letztes sein.

Und auch ins Bett
kann ich mich
nicht mehr legen.

Ich kann mich
nicht mehr
von hier fortbewegen –

der Mond
schaut traurig
in mein Zimmer
rein …

Das Sofa

2007

 

Ein Lichtstrahl
in mein Zimmer fällt,

ein alter Blumentopf
wird so erhellt.

Die Blume
hab ich einst
im Blumenladen
mir erworben.

Die Blätter
zart
und herrlich grün,

die Blüten
waren voller Duft
und rosarot.

Sie hörte gar nicht auf
zu blühn.

Doch längst
ist alles abgestorben –

die Blume
ist schon lange tot.


Nun sitz ich hier
in unsrer Gruft.

Der Staub
umhüllt uns
wie ein Totenkleid.

Das Atmen
fällt mir
furchtbar schwer,

und ich bekomme
keine Luft.

Bin einsam,

fühle mich
unendlich leer.

So oft
denk ich
an unsere schöne Zeit!


Seit Jahren
sitz ich hier schon
auf dem Sofa rum,

bin leblos fast,

ganz grau
und altersstumm.

Die Blume
werd ich
nie mehr gießen,

doch steh noch einmal auf,

den Vorhang
zu verschließen.

Ich werde weiter warten
in dem dunklen Raum

und niemals wieder
eine Blume
schaun.

Das Morgenrot

November 1990

 

Der Wind bläst mir,
seit undenklichen Zeiten,
kräftig in die Segel.

Mit schäumendem Bug
habe ich die Ozeane durchkämmt.

In dunkle, schwere Wolken gehüllt,
eilte ich dem Licht entgegen,

das für Momente nur,
die Wolkendecke am Horizont
zerreißend,

bei seinem Bade im Meer,

das Wasser
in strahlende Diamanten
zu verwandeln schien.


Seit undenklichen Zeiten
bläst mir der Wind
immer kräftiger
in die Segel.

Und dem Lichte
kam ich
nicht näher.


Doch wer sind jene,

die trotz Sturmes
und aufgewühlter See,

mit hängendem Segel

auf der immer gleichen Stelle
dümpeln?

Es wurden immer mehr.

Anfänglich nur
als vage,
schwach umrissene Konturen

am fernsten Horizont
zu erahnen,

wo selbst turmhohe Wellen
wie geglättet aussehen.

Sie kamen näher.

Sie schienen meinen,
vom Sturmwind
gepeitschten Kurs
kreuzen zu wollen.

Aber das konnte
nicht sein.

Ich war in Bewegung,

strebte auf sie zu

und sah deutlich:

Sie verharrten
in absoluter Regungslosigkeit,

lächelnd
auf der Reeling sitzend,

so,
als wenn nichts
um sie herum
geschehe.

Da erst bemerkte ich,

dass ich
mit aufgeblasenen Backen

in die Segel blies,

den Sturm
gleichsam
selbst erzeugte,

bis das Blut
sich mir
im Kopfe staute.


Heute sitze ich
lächelnd
an der Reeling.

Habe mir

den von mir selbst
erzeugten Sturm

aus den nun
schlaff herunterhängenden
Segeln genommen.


All die Mühsal,

all die Kraft,

war ganz umsonst.

Vergebens.

Ich hatte
nichts erreichen können,

denn es gab nichts,

was zu erreichen war.

Wellen habe ich geschlagen

und viel Wind gemacht,

um mich dann dort
zu finden,

wo ich immer war.


Hin und wieder
sehe ich dann noch

einen einsamen Segler

durch die Wellen kreuzen,

mit aufgeblähten Segeln,

hochrotem Kopf,

aufgeblasenen Backen

und viel Gischt
vor dem Bug.

Aber die Ärmsten
werden weniger –

und das Meer
ruhiger.

Der Urlaub

2008

 

Grad noch
habe ich mich
umgeschaut

und sah
ein tiefes
schwarzes Loch.

Da hab ich mich
hineingetraut,

obwohl es
sehr nach Pech
und Schwefel roch.


Ich stieg hinab
bis auf den Grund.

Geschmeiß
und andre Ungeheuer

belebten
diesen dunklen Schlund.

Verweste Leichen
hingen
am Gemäuer.


Feuerwände
flammten
vor mir auf,

und Qualm
versperrte
meine Sicht.

Geschundne Leiber
sah ich hier
zu Hauf –

doch Schmerz
und Mitleid
fühlt ich nicht.


Im Feuer
sah ich Menschen
brennen,

und andere
traktiert
von glühend heißen
Zangen.

Die Zahl der Qualen
kann ich
nicht benennen –

ich wollte tiefer
in das Schreckensreich
gelangen.


Ein lauter Schrei
ließ mich
vor Angst
erstarren.

Ein Teufelsweib
kam auf mich
zugerannt.

Ich musste
mit den Hufen
scharren –

mir war,
als hätt sie mich
schon lang gekannt.


Als sie sich
keifend
vor mich stellte

und schrie,
wo ich mich
rumgetrieben hätte,

da war’s,
als wenn sich mir
der Kopf erhellte,

und wusste:

Hier war ich
an vertrauter Stätte.


Dies war
mein Reich,

und sie
mein liebes Weib.

Ich hatt‘ es
oben auf der Erde
ganz vergessen.

Versprach ihr,
dass ich nun
für immer bleib,

doch sie tobte
weiter
wie besessen …


„Mon Dieu“,

ließ ich
ganz kleinlaut
nun verlauten,

„ich war doch
nur für kurze Zeit
mal eben fort,

tat das,
was andre
vor mir niemals
sich getrauten,

wollt Urlaub machen
mal
an einem andern Ort.“


„Schon immer
wollte ich
den Himmel sehen,

die Sonne,
die dort oben
scheint,

und nebenbei
des Schöpfers Gnade
mir erflehen,

doch hat er
nur um mich
geweint.“


„Ich bin
zu Dir
zurückgekommen

und werd Dich
niemals mehr
verlassen.

Im Himmel
landen
all die Frommen,

die andern
werden hier,
bei uns,
verblassen.“

.

Der Wal

Januar 1989

 

Ein letztes Lied
zum Abschied,

die ganze Welt
darin verborgen,

vom Anfang
bis zum Ende.


Ein letzter
einsamer Ruf

in die tote,
unendliche
Wasserwüste.


Das Meer schäumt,

der Himmel
erbricht sich.

Das Land
verbrennt.


Alles
hat er gewusst –

gesungen
hat er davon.


Fast schwerelos
versinkt

der große
graue Gott.

Mit dem letzten Lidschlag
seiner tiefen,
traurigen Augen

versinkt auch
diese Welt.


Zerfetzt
von einem kalten Wind

wird sein Gesang

über die schäumende See

an die brennenden Ufer
getragen.

Die Befreiung

März 1969 (17 Jahre)

 

Dünne,
weiße,
blutleere Arme.

Dürre,
messerscharfe Finger,

die sich gierig
in meinen kämpfenden Körper
krallen,

herausgerissenes Fleisch,

grölend
in sich verschlingend.

Fester,

immer fester
die Arme
um mich schließend,

tiefer,

immer tiefer
die Krallen
in mich bohrend.


Erschöpften Blickes
sehe ich
weit über mir

kleine weiße Punkte –

strahlen,
glänzen,
lachen.

Sie rufen
und winken,

tanzen miteinander,

verlieren sich …

doch immer neue
tauchen auf,

lachen,
glänzen
und strahlen

aus winzigen Sternchen,

die wie warme Quellen
in die Kälte fließen.


Welch ein Gefühl,

dort oben zu leben

und meinem
grauenvollen,
schmerzhaften Kampf
beizuwohnen!


Nein, nein …

Verlockungen!

Himmlisches,
göttliches Lachen –

Sirenen!


Ihr lacht,

ihr tanzt,

ihr singt!

Ihr lacht,
tanzt,
singt.

Und in mir

die Krallen,

reißen Stück für Stück
aus meinem Körper.


Auch ihr
verspracht mir
zu viel!


Also nimm
den Rest von mir!

Verschlinge mich,

Du schmatzendes Scheusal!


Und IHR –

Sirenen!

Sucht Euch
jemand anderen,

mit dem ihr tanzen könnt,

mit dem ihr singen könnt,

mit dem ihr lachen könnt,

mit dem ihr
tanzen,
singen,
lachen könnt!

Jemanden,

der sich ebenso wie ihr,

an diesem,
meinem Schauspiel

ergötzen kann!


Pfui,

teuflisches Himmelreich!

Ich lache Euch aus.

Euch alle!

Ich lache Euch aus.

Auch Dich,

Du Scheusal,

mit Deinen Krallen …

DU,

der Du glaubst,

dass mein Fleisch
wohlschmeckend sei

und Dich nähren würde.

Ich lache Euch
alle aus!


So,

nun nimm,

verdirb Dir
Deinen schleimigen,
stinkenden Schlund –

und spei mich
nicht wieder aus!

Ich werde Dir
den Magen umdrehen!


Ich ließ mich fallen,

in sein
weit aufgerissenes,

gieriges,

grölendes Maul …


und es war mir
eine Freude,

seine angstvollen Augen,

die mich
gerade eben noch

triefend vor Lust
verschlangen,

gebannt
auf mich gerichtet
zu sehen.


Ich erschrecke …

Eine Flut
von Wärme,
Liebe
und Güte
umgibt mich.

Ich lache,

tanze,

singe …


Weit unter mir,

in dünne,
blutleere Arme
verstrickt,

messerscharfe Krallen

bohren sich
in seinen Körper …

um sein Leben
kämpfend …


Ich winke ihm zu,

ich lache ihm zu.

Es freut mich,

Dich kämpfen
zu sehen.

Die Eiche

2008

 

Ich stehe hier
und bin noch
ganz benommen,

an einem großen,
starken Eichenbaum.

Weiß genau –

dies war nicht
nur ein Traum:

ich bin
aus einer anderen Welt
gekommen.


Ich stand
an diesen Eichenbaum
gelehnt

und spürte etwas,

das ich nicht
beschreiben kann.

Ich weiß nur eins:

Er zog mich
fest in seinen Bann

und hab mich
so ganz tief
in ihn hineingesehnt.


Ich fühlte noch,

dass meine Kräfte
hier versagten

und mir
fremde Säfte
in mein Sein
eindrangen.

Ich nahm es wahr,

ganz ohne Furcht
und Bangen,

Gefühle,

die mich sonst
tagtäglich plagten.


Da waren

Rauschen,

Dehnen,

Wallen.

Nicht Raum
und Zeit –

nur Glück
und Seligkeit.

Da war

ein Ahnen
von Unendlichkeit.

Bin fest verwurzelt

durch das Sein
gefallen.


Es war
ein Fühlen

ohne Nase,

Hände,

Augen,

Ohren.

Nicht Wurzeln,

Stamm

noch Blätter
an den Zweigen.

Doch war erfüllt
von Leben,

in einem
grenzenlosen Schweigen.

Dem will ich mich ergeben,

das hab ich heute
meinem Baum
geschworen.

.

Die Jagd beginnt

2008

 

Schnee fällt.

Meine Tränen auch.

Weichen auf
den Schnee.


Ein Stock trifft.

Eine Axt auch.


Schweiß fließt.

Blut auch.

Gefriert zu Eis.


Messer stechen.

Augen brechen.


Eine junge Robbe
schreit.

Seine Mutter auch.

Im Herbst

2008

 

Feucht legt sich dein Atem kalt
aufs Land, das dampfend sich
nach langer, schwarzer Nacht
in vielen bunten Bildern malt.

Ganz stürmisch hast du dich
schon wieder aufgemacht,
den Sommer zu vertreiben.

Die Blätter nun in Farben an den Bäumen,
die lange sich im Grün versteckten,
und Äste, die im kalten Wind sich reiben.

Darin, in feingewebten, filigranen Räumen,
warten fette Spinnen auf Insekten …

Kindsein

2008

 

Ein kleines Kind spielt ganz allein
in einem Kasten voller Sand.
Es sollte ähnlich schon den Großen sein
und baut ein Haus mit seiner kleinen Hand.

In dunklen Wolken kommt der Regen aufgezogen
und schwemmt hinweg sein kleines Heim.
Es spielt jedoch ganz munter weiter,
fühlt sich nicht betrogen –

denn es kann noch nicht
wie all die Großen sein.

Hinaus

2009

 

Heut zog ich meine Wanderschuhe an,
musst‘ endlich wieder Frischluft tanken.
Fing vor der Haustür leicht schon an zu wanken
und merkte, wie der Schweiß an mir herunterrann.

Die grelle Sonne brannte gleich sich mir ins Hirn,
und Vögel in den Bäumen kreischten infernalisch.
Der Hund des Nachbarn knurrte bestialisch –
doch bot dem Wahnsinn mutig meine kalte Stirn.

Ich musst‘ mir endlich wieder selbst beweisen,
dass ich nicht drohte, im Sessel zu vergreisen.
Das Fernsehen kann die Welt mir nicht ersetzen,

wollt‘ endlich wieder durch die Wälder hetzen.
Der Ruf der Wildnis drang wohl an mein Ohr –
doch kehrte um, weil ich die Contenance verlor …

Drüben

2009

 

Wie einbalsamiert
und eingefroren

verharren Schatten

im ewigen Nichts,

ohne Sinn
und ohne Zweck.


Regungslos,

bewegungslos.

Zeitloses Warten

an einem Ende,

das keinen Anfang
mehr hat.


Vergebt mir
meine Schuld.

Ich war da,

hatte mich
nur umgesehen

und kurz verneigt

vor Eurer
Genügsamkeit.


Selig seid Ihr

in Eurer
Bewusstlosigkeit.


Leises Rauschen

aus einer fernen Welt.

Blitze durchzucken
das Nichts.


Kalt wird mir.

War nicht vorbereitet.

Meine Tränen
gefrieren

zu gläsernen Kugeln
aus Eis.


Darin eingefroren …

mein Schatten.

INVASION

Mallorca, Februar 2008

 

Wer war es,

der mich einst
hierher gebracht,

auf einen Stern,

den niemand kennt?

Um Gnade bat ich –

doch wurde ausgelacht.

Die Erde war so heiß,

der Boden brennt,

blutrot der Himmel –

ohne Sonnenschein.

So ließ er mich

mit mir allein …


Es brauchte lange Zeit,

bis ich begriff,

dass hier mein Leben
wohl zu Ende geht.

Hielt anfangs
Ausschau noch
nach einem Sternenschiff.

Um Hilfe
hab ich Gott,

der mich verließ,

dann angefleht,

dass er mich mög‘
erlösen
aus der Qual.

Doch nichts geschah …

und meine Hoffnung sank
von Mal zu Mal –

bis klar mir wurd‘,

dass ich für immer
in der Hölle war.


So hab ich mich
dann irgendwann

dem Schicksal hier
ergeben.

Des Sinn und Zweck

bis heut
ich nicht verstehen kann.

Ich fing dann an,

hier zu überleben

und paarte mich

mit jedem Tier,

das lebte hier
auf diesem Stern.

So fühlt‘ ich mich
bald wohler hier.

Die Erde
wurd‘ mir fremd –

sie war so fern.


So kam es,

dass ich Nachwuchs
zeugte.

Ein neu‘
Geschlecht

auf diesem
dunklen Stern.

Ein jedes Tier
voll Argwohn

meinen Sohn
beäugte,

der bald
sie unterwarf

und stieg so
 auf als ihrem Herrn.


Den Kopf
gehörnt,

aus jedem Bein
wuchs ihm
ein Huf.

Ein finstres Reich
hat er errichtet.

Voraus eilt ihm
ein böser Ruf,

dass jeder
sogleich
von ihm wird vernichtet,

der nicht so ist,

wie er es wollte.


Pech und Schwefel

aus den Wolken
flossen.

Am Horizont

der Donner
grollte.

So hat sich bald
die Brut,

die ich gezeugt,

schnell über
diesen dunklen Stern
ergossen.

Gott selbst

hat sich
vor seinem neuen Herrn
verbeugt.


Es wurd‘
ein Denkmal
für mich aufgestellt:

Dem Begründer
einer neuen Welt.

Nun wird
der dunkle Stern

zu klein
für unsere Herde.

Drum landen wir
bald bei Euch
auf der Erde.

Von dort
bin ich gekommen

vor so langer Zeit.

Und bin mir sicher:

Ihr seid schon lang
für uns bereit!

Lebensreise

2009

 

Zum Horizont
treibt mich
der Wind.

Die Wolken
weisen mir
den Weg,

an dessen Rande
ich mich
schlafen leg,

um dort
zu träumen
wie ein Kind.


Die Sterne
leuchten mir
in dunkler Nacht.

Dann wieder
strahlt und lacht
der Mond.

So sagt er mir,

dass es sich lohnt.

Und hab mich
nochmals
aufgewacht.


Mein Tatendrang
schien
grenzenlos.

Dies hatte ich
bis heut
geglaubt.

Doch fühl mich
meiner Kraft
beraubt

und seh:

für mich
ist diese Welt
zu groß.


Ich bleibe hier,

geh nicht mehr fort.

Der Horizont
war einst
mein Ziel.

Ich wollte
immer
viel zu viel.

In mir allein

liegt der
gesuchte Ort.

Metamorphose

2009

Es ist die Nacht,

die ich
herbeigesehnt,

die dunkel
mich umfängt,

noch herbstlich kühl.

In mir

ein schaurig,
wohliges Gefühl,

das sich
in meinem ganzen Leib
ausdehnt.


Dem Vollmond

habe ich mich
zugewandt,

der sanft
das schwarze
Himmelszelt
erhellt.

Und spüre
eine Kraft,

die mich befällt –

sie wurd‘
so oft
mir schon
von ihm gesandt.


Ein graues Fell

bedeckt nun
meinen Leib,

das Herz erfüllt
von wilder Lust
und Gier.

Und recke
meinen Kopf

dem Mond
entgegen.


Laut heulend

wünsch ich mir,

dass ich
für immer
bleib,

allein mit mir

als grauer Wolf,

als wildes Tier –

doch werd mich
bald schon wieder

in mein
warmes Bettchen
legen.

Sieben Todsünden

2009

 

Ich bin
kein wildes Tier

und warte nicht
auf Beute.

Verspüre keine Gier,

tat niemals etwas,

das ich je
bereute.


Das Blut
kocht heiß

in meinen Venen.

Im Dunkel
wart ich leis:

In DIR

ist all
mein Sehnen!


Ich hör
den Ruf des Herrn,

und er ist lauter
als ihr Flehen.

Ich fühle mich
berufen

und erfüll ihn gern:

Sie wird bald
keine Unzucht
mehr begehen.


O Herr,

DEIN Wort
ist mir Befehl.

Den Hochmut
muss man brechen,

auf dass ich ihm
das Leben stehl –

ich werd ihn
heute noch
erstechen!


O Herr,

ich bin DIR
ganz ergeben,

doch maßlos
ist der Rest
der Welt.

Nicht einer
sollte
weiterleben –

ich weiß,

dass DIR
mein Tun
gefällt.


O Herr,

frohlockend
wie Schalmeien,

hör ich DEIN Wort
in meinen Ohren.

Der Zornige
soll laut
vor Schmerzen schreien:

Ihm werd ich heut
das Herz
durchbohren!


O Herr,

ich möcht DIR
ewig dienen,

und DIR allein
für immer
nur gehören.

Den Trägen
häng ich auf
an Riemen.

Im Sterben
wird er
auf die Bibel
schwören!


O Herr,

wie wohlgesonnen
DU mir bist,

so grenzenlos
in DEINER Gnade.

Der Habgier
komm ich bei
mit List:

Ein Messer
wäre
viel zu schade.


O Herr,

DU hast mich
auserkoren.

Mit Neid
werd ich
bedacht.

Was sind das bloß
für Toren?

Ich hab
das Feuer
schon entfacht.


Nun denn,

allmächtger,
großer Gott,

für DICH
werd ich
die Welt
erlösen.

Ich bin

DEIN Richter
und Schafott,

und nur für DICH

vernichte ich
die Bösen.

Sonntagmorgen

1990

 

Ich ahnte
von Anfang an,

dass dieser
Sonntagmorgen

kein Tag
wie jeder andere
werden würde.

So wie die Sonne
am Himmel stand,

so strahlend,

so blankgeputzt.


Mein Schatten
tanzte

neben mir
im Sonnenlicht.

Wir unterhielten uns
angeregt

und zogen
gemeinsam
in den Wald.


Die Sonne
breitete ihren

diamantenen Teppich

aus glitzernden,
funkelnden
Tautropfen

vor uns aus.

Dieser Tag
ist anders.


Ein festlicher Tag,

ein andächtiger Tag –

und das Schweigen
im Walde

wird immer
lauter.


Eichelhäher
im Wipfel –

prachtvolles Gefieder.

Kleine Vögel
ringsumher.

Spaziergang

1999

 

Es ist gut,

Dich hier zu treffen,

wo Gebirgsmassive
kraftvoll zerspringen

und Insekten
mit brennenden Flügeln
Purzelbäume schlagen;

wo sich die Ozeane

lustvoll
über die Kontinente
ergießen

und Mütter

ihre Kinder
liebevoll
in ihren Armen halten.


Es tut gut,

Dich hier
zu treffen.

Und ich hoffe,

dass Du
nichts dagegen hast,

wenn ich
Deine Hand nehme

und wir
gemeinsam wandern

bis ans Ende
aller Zeiten.

Von Kröten und schwarzen Vögeln

2011

 

Aus dunkler Nacht bin ich ins grelle Licht geschwommen,
doch hatte keine Lust, es freudeschreiend zu begrüßen.
Ich war erschöpft und fühlte mich benommen;
man hielt mich, Kopf nach unten, an den Füßen.

Was immer auch mit jenen zu passieren schien,
die als Begrüßungskomitee zugegen waren –
sie freuten sich, ich habe nur vor Wut geschrien;
hier fehlten nur noch die Trompeten und Fanfaren.

Wie gerne wäre ich dorthin zurückgekehrt,
wo niemand meine Ruhe störte
und nichts sich in dem Nichts vermehrt,
in dem ich sorglos nur die Stille hörte.

Wie dem auch sei, ich konnte nicht zurück.
Ich musste diese Kröte namens Leben schlucken.
Oh ja, ich habe sie auch mal geküsst – doch ohne Glück
und spürte fortan sie in meinen Eingeweiden zucken.

Sei’s drum, dem Schicksal kann man nicht entgehen,
selbst Kröten nicht, auch sie verenden irgendwann.
Die Rabenkrähe kann ich schon am Himmel sehen:
den schwarzen Vogel, der auch Kröten fressen kann.

Etwas Regen

August 1990

 

Der Himmel hat sich grau bewölkt.
Regentropfen prasseln ungezählt.

Gesanglos hocken Vögel,
geduckt unter Zweigen –
warten still.

Schwarze Schnecken glitzern feucht.

Hohe Gräser neigen sich.

Plätschern –
feines Rauschen in den Wipfeln.

.