Gedichte II
Meiner Katze (Kali) gewidmet
Grad noch hat sie sich ihr Fell gepflegt,
die Augen halb geschlossen,
in Falten ihre Stirn gelegt,
als sei sie leicht verdrossen.
Der Stuhl auf dem ich sitzen wollte,
wurd nun zu ihrer Lagerstatt;
Respekt den ich ihr gerne zollte,
auf den sie wahrlich Anspruch hat.
Dort liegt sie nun und scheint zu träumen,
vielleicht von Mäusen auf dem Feld,
von Vögeln in den hohen Bäumen,
vielleicht von einem Hund der bellt.
Die Sonne wärmt ihr weiches Fell.
Ein Pfötchen zuckt im Licht,
verlass den Raum ganz schnell,
denn stören will ich meine Katze nicht.
Nach Stunden sehe ich sie wieder,
die Küche ist der angestrebte Ort.
Am Fressnapf lässt sie sich nun nieder,
sie schüttelt sich und ist gleich wieder fort.
Was gestern noch zu schmecken schien,
scheint heute nichts mehr wert zu sein.
Die Ignoranz hab ich ihr gleich verziehn
und fülle neues Futter ein.
So kann ich ihre Liebe mir erhalten-
tu alles was sie will von mir;
Prinzipien die noch früher für mich galten
hab ich geopfert für mein kleines Kuscheltier.
Neues Gesetz
2008
Eins, zwei, drei, vier …
Schritte sind es bis zur Tür.
… fünf, sechs, sieben, acht …
Schon wieder hat mich jemand ausgelacht.
… sieben, acht, neun, zehn …
Schritte sind noch bis zum Klo zu gehn.
Handschuh an und Klinken putzen –
nur so kann ich des Alltags Dinge nutzen.
Und auch der Mundschutz darf nicht fehlen;
in Bus und Bahn muss ich die Passagiere zählen.
… fünf, sechs, sieben, acht …
Hab ich zu Haus den E-Herd ausgemacht?
… achtundneunzig, neunundneunzig, hundert …
Mein Ordnungswahn wird nicht bewundert.
Mikroben, Pilze, Dreck und Sporen –
ich wurd in eine Welt aus Schmutz geboren.
… tausendfünfhundertundsieben …
– lieben, getrieben, hängengeblieben –
Auf jedes Wort muss ich den Reim erzwingen,
doch dieses will mir nicht mehr allzu oft gelingen.
Vor Tagen wurd ein neues Gesetz in mir verkündet,
das wohl bald in meinen Hirntod mündet.
„Es muss der richt’ge Reim Dir in nur fünf Sekunden kommen,
sonst wird genau dies Wort Dir aus dem Kopf genommen!“
Schon fehlen mir die ersten Wörter …
… eins, zwei, drei, vier …
Örter …
Schon fehlen mir die ersten …
… eins, zwei, drei, vier …
hersten …
Schon fehlen mir die …
… eins, zwei, drei, vier …
Vieh … ja, Vieh!
Dunkel …
wunkel …
Leer …
gehr …
Leben …
Ich …
Tod …
Nicht ganz gesund
2008
Es ist so weit, du Sackgesicht,
heut schlag ich dir die Fresse ein.
Ich hau dich aus dem Tageslicht
gleich in die Finsternis hinein.
Ich warte hier seit Stunden schon,
um dir den Dolch ins Herz zu stechen.
Es ist für mich der größte Lohn,
dir endlich heut das Kreuz zu brechen.
Die Eingeweide werd ich dir entreißen,
ganz qualvoll sollst du so krepieren,
vor Angst dir in die Hose scheißen,
und dann zertret ich deine Nieren!
Ich werde dir den Hals umdrehen
und mich mit Feuer in dein Leben brennen.
Zerstört sollst du um Gnade flehen,
gevierteilt um dein Leben rennen!
Im Blutrausch werd ich dich vernichten.
Mein Hass auf dich ist grenzenlos.
Das Fernsehen wird davon berichten,
so werd auch ich berühmt und groß.
Die Beine zittern mir in blinder Wut,
die Hände sind zur Faust geballt.
Mein Kopf entflammt in wilder Glut …
… da merke ich,
ich bin hier festgeschnallt!
Ich schreie wie ein wildes Tier,
der Speichel schäumt vor meinem Mund.
Ich frag den Mann in Weiß:
„Wo bin ich hier?“
Er brüllt mich an:
„Du bist nicht ganz gesund!“
Ihr Idioten,
Spötter,
Ignoranten,
was habt ihr mit mir angestellt?
Fragt alle,
die mich lang schon kannten:
„Ich bin gar nicht von dieser Welt!“
Ich werde auch ganz friedlich sein,
verlass geläutert dieses Haus.
Ich kehre dann für immer heim
und sorge dort für den Applaus …
.
Schwarze Löcher sind wie Kinder
2010
Mit einer Schleimschicht überzogen
steh ich in einer fremden Welt.
Fühl mich um Heim und Herd betrogen,
was mir natürlich nicht gefällt.
Ein Schwarzes Loch gähnt hinter mir
und rülpst ganz ungeniert.
Es stinkt wie unverdautes Sauerbier,
das in seinen dunklen Tiefen explodiert.
Es kotzt sich aus – und zwar gewaltig.
Und seh sie dann zum Vorschein kommen:
Lebewesen, mannigfaltig, vielgestaltig,
schleimverschmiert und wie benommen.
Es fängt dann fürchterlich zu lachen an.
Die unbekannte, fremde Welt erbebt.
Mir scheint, was ich kaum glauben kann:
Das Schwarze Loch im Universum lebt!
Ich dreh mich um und schreie laut:
„Ich bin ein Mensch und kein Gewölle!
Mit Schleim hast du mich eingesaut,
du widerliche Ausgeburt der Hölle!“
Mir war, als fing es an zu zittern
und sprach:
„Es war nicht bös gemeint.“
Es würd mich gleich nach Hause transmittern
und hat dabei ganz leis geweint.
Dies Abenteuer hatte mich gelehrt:
Ein Schwarzes Loch ist wie ein Kind.
Lieg ich mit meiner Ansicht denn verkehrt,
dass Schwarze Löcher Menschen ähnlich sind?
Ein Schicksal II
2008
Arm und Beine wurden mir gebrochen,
die Augen waren ausgestochen.
In Streifen hing das Fleisch mir von den Knochen,
die Eingeweide wollten sie sich kochen.
Auf mein Menschenrecht wollt ich noch pochen,
konnt fliehen und bin so durchs Unterholz gekrochen.
Ein Wolf hat mich dann wohl gerochen
und sich sogleich an mir erbrochen.
Der Raucher und die Katze
2008
Als der Rauch ihm in den Augen brannte
und er das Feuer auch in seinem Bett erkannte,
da wurd ihm voller Schwermut klar,
dass dieses wohl sein letztes Pfeifchen war.
Es hatte seine Lagerstatt entfacht
und ihn auf diese Weise umgebracht.
Noch einmal füllt er seine Lungen
tief mit Rauch
aus der Matratze …
Ein letzter Blick auf seinen Bauch –
denn dort liegt tot schon seine Katze.
Das Wunder
1989
Nachdem ich festgestellt hatte,
dass kleine und große Wunder
mein bisheriges Leben begleiteten,
ja – es sogar formten,
wartete ich auf sie,
legte ihnen zum Empfang
einen roten Teppich aus …
Doch – o Wunder –
da waren keine mehr …
Schlaf ein, mein Kind
Mallorca, 2007
Leg dich hin, sei unbesorgt,
du hast den Tag dir nur geborgt.
Die Äuglein schließe,
steig hinab,
denn auch der Tag
war nur ein fensterloses Grab.
Die Nacht, mein Kind,
wird hier nichts ändern.
In Träumen reisen wir
doch nur in andere Länder –
vollgestopft
mit wilden Tieren,
die dich fressen.
Für dich auch nur
die ganzen Totenmessen.
Im Feuer wirst du brennen,
um dein Leben rennen,
im Eis erfrieren,
wirst aufgespießt
und dann im Meer ertränkt.
Die Sonne
und die Mutterbrust,
das Vogelzwitschern
und die Fleischeslust
hab ich
zum Spaß
dir nur geschenkt.
Nun denn,
mein liebes Kind,
sei unbesorgt.
Nun leg dich hin,
schlaf endlich ein,
sonst verbrenn ich dir
dein Mütterlein.
Ich hab den Tag
dir nur zum Spaß geborgt.
Kann ein Vogel träumen?
2009
Kann ein Vogel träumen?
Diese Frage
hatte ich mir oft gestellt.
Sie sitzen singend in den Bäumen
und haben mir mein Sein erhellt.
Dann wieder tanzen sie
durchs Himmelszelt
und schauen auf die kleinen Menschen nieder.
Doch kurz bevor der Tag
ins Dunkel fällt,
verstummen ihre wunderbaren Lieder.
Es ist,
als seien sie davongeflogen,
und unsere Welt wird schwarz und still,
als würde sie
um einen schönen Traum betrogen,
in dem sie sich
nicht weiterdrehen will.
Doch dann,
am frühen Morgen,
wenn das Leben neu erwacht,
bleibt nichts mehr
in der Dunkelheit verborgen,
so,
als hätte dies
die Amsel auf dem Dach gemacht.
Wenn dem so ist,
dann ist mir klar,
dass auch ich
das Traumbild eines Vogels war.
Der Sturz
2009
So lang hab ich am hohen Fels gestanden
und nur kurz ins tiefe Tal geschaut.
Als endlich meine Ängste schwanden,
hab ich den Sprung mir zugetraut.
Kein Schrei
entglitt mehr meinen Lippen,
die Arme weit
zum Flug gespannt.
So stürzte ich
von grauen Felsenklippen,
bis ich
im Rausch verschwand.
Die Zeit begann,
sich auszudehnen,
der Raum,
den ich durchflog,
zu explodieren.
Fing an,
mich nach mir selbst zu sehnen
und hatte plötzlich
nichts mehr zu verlieren.
Dann sitz ich
irgendwo allein am Strand.
Mein Blick
schweift weit hinaus aufs Meer.
Die Wellen schlagen
hoch ans Land,
und ich frage mich:
Wie komme ich hierher?
.
.
Sonett für Franz
2009
Ins Dunkel meiner Seele stürzte ich,
in der das Höllenfeuer mich verbrannte,
und fühlte, wie der Himmel mich verbannte.
So schrie und weinte ich ganz jämmerlich.
Doch als mein Leben sich dem Ende neigte,
da spürte ich das Leiden dieser Welt.
Der Herr hat mir mein kleines Herz erhellt,
indem er mir die dunklen Seiten zeigte.
In allen Steinen,
Pflanzen,
jedem Tier
erkannte ich:
Wir sind ein Teil von DIR.
Das Feuer,
dem ich schon verschrieben schien,
ich konnte es
in Deinem Licht bezwingen.
In dunkler Nacht
hör ich die Vögel singen.
Für dieses Wunder
will ich niederknien.
Franz
2009
Ich streckte meinen Arm aus,
um Euch vom Himmel zu holen.
Ich wollte Euch
in meinen Fäusten zerquetschen,
nur um zu sehen,
ob der Himmel
genauso viele Tränen
weinen könnte,
wie ich in all den Jahren.
Doch Ihr habt Euch
widerstandslos aufgelöst
und seid weitergezogen.
Ich streckte meinen Arm aus,
um Dich vom Himmel zu holen.
Ich wollte mir
Deine dunkle Seite ansehen,
nur um zu wissen,
ob sie noch dunkler ist
als meine,
die anfängt,
das Licht zu schlucken.
Doch Deine Kälte
ließ meine Hand
zu Eis gefrieren,
und Du strahlst weiter
in kalter Nacht.
Ich streckte meinen Arm aus,
um auch Dich
vom Himmel zu holen.
Ich wollte wissen,
wie es möglich ist,
so lange zu brennen,
ohne zu verglühen
und zu Asche zu werden.
Meine Hände verbrannten,
und ich verlor
mein Augenlicht.
Unbeeindruckt
zeigst Du mir
durch Deine Wärme,
dass Du wohl ewig
weiterbrennen wirst.
Und auch Euch
wollte ich
vom Himmel holen.
Ich wollte sehen,
ob es Euch
auch wirklich gibt,
doch millionenfach
griff ich ins Leere.
Bei meinen
verzweifelten Versuchen,
zumindest einen von Euch
zu erwischen,
glaubte ich,
ein millionenfaches Lachen
zu hören.
Ich streckte
einmal noch
beide Arme aus,
wollte Euch
um Vergebung
für meinen Hochmut bitten.
Ich war nun
völlig mittellos
und nackt.
Regentropfen
fielen auf mich herab.
Einen Sperling
schien ich
vom Himmel geholt zu haben.
Er setzte sich
auf meine ausgestreckte Hand ..
.
Im Hafen
2008
Die Zeit ist gekommen,
die Sonne verblasst.
Lichter verschwommen,
kein Segel am Mast.
Die Wogen geglättet,
die Stürme gelegt.
Nichts wurde gerettet,
auch nichts mehr bewegt.
Den Hafen erreicht,
das Schiff vertäut.
Ein Abschied –
vielleicht.
Doch nichts mehr bereut.
Ich fühl mich ganz leicht.
Es hat mich gefreut.
Im Himmel
2008
Es öffnet sich ganz weit das Himmelstor,
recht freundlich werde ich hineingebeten.
Ich stand so lange schon davor;
ob dieser Geste bin ich sehr betreten.
Die Blumen, die ich mitgebracht,
sind welk geworden und erschlafft.
Die Pralinenschachtel hab ich aufgemacht –
den Aufstieg hätt ich sonst wohl nicht geschafft.
Nun steh ich hier vor Gott, dem Schöpfer,
um gleich ihm meine Achtung zu bezeugen:
„Ich bin Reinhard und Du dann sicherlich der Töpfer.“
Ich wollte mich vor seiner Schaffenskraft verbeugen.
Wortlos packt er mich an meinem Schopf,
der weiße Bart bedeckt sein Mienenspiel.
Er legt mich zu den andern in den Topf;
danach erstellt er eine Skizze mit dem Federkiel.
Die toten Leiber werden schnell zu Ton vergoren;
ein Seraphin formt daraus Arme, Beine, Kopf und Ohren.
Ein Engelschor begleitet ihn mit Schöpfungsliedern,
und spür den Atem Gottes nun in meinen toten Gliedern.
So hat er mich erweckt aus dieser Tonfigurenschar.
Ich schau ihn an – riskiere gleich ’ne freche Lippe:
„Gepriesen seist Du nun, o Herr, für alle Zeiten und fürimmerdar!“
Und eh ich mich verseh, da fehlt mir eine Rippe …
GIFT
Mallorca 2007
Was ist es, das sich windend grünlich schimmert
und so leise herzzerreißend wimmert?
Wollt es fassen gleich mit ruhiger Hand,
als es sich schnell um meine Beine wand.
Es ließ nicht los und biss sich fest,
ich griff wohl in ein Schlangennest.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier –
so beißt sich fest das Ungetier.
Es schlängelt sich die Schlangenbrut
und spritzt ihr Gift mir rein ins Blut.
Ich konnte nicht mal reklamieren,
mir wurde kalt und drohte zu erfrieren.
Die Mutterschlange kroch nun auch herbei,
sie legte einst hier Ei um Ei.
Gerollt lag sie wohl hier im Unterholz,
die Kleinen erfüllten sie mit großem Stolz.
Die Beine wurden mir ganz schwer,
das Gift durchströmt mich mehr und mehr.
Konnt nichts mehr sehen, nicht mehr stehen,
fing dann um Gnade an zu flehen.
Vor meinen Augen grünlich die Spiralen schimmern
und fing ganz herzzerreißend an zu wimmern.
Der Kopf war heiß, die Beine kalt.
So fand man mich allein im Wald.
Mein Haupt gekrönt von kleinen Schlangen,
die nun von ihren Heldentaten sangen.
.
Abendschauer
2007
Wenn das Sonnenrund im tiefen Meer verglüht,
und sich der blaue Himmel an die Nacht verliert,
das Dunkel unheilvolle Schatten aus dem Nichts gebiert
und ein Komet im Sternenzelt noch Funken sprüht:
dann wird es Zeit für mich zu gehen,
für heut‘ hab ich genug gesehen.
Der Barsch
2007
Man sagt, der Fluss entspringt ganz silbrig hell
aus einer kleinen Quelle,
fernab in jenem grünen Waldesrauschen.
So viele suchten schon ihr ganzes Leben
nach dieser unberührten Stelle.
Könnt ich nur einmal jenem ersten Plätschern lauschen,
so würd‘ auch ich mein Leben dafür geben.
Drum gab ich alles auf
und ging dem Quell entgegen,
nichts bei mir als den festen Glauben,
sie zu erreichen irgendwann in ferner Zeit.
Natürlich hofft‘ ich auch auf Gottes Segen,
ernährte mich von Früchten und von Trauben –
der Weg war steinig und unendlich weit.
So viele Weggesellen sah ich leblos liegen
dort am Uferrand.
Sie hatten allzu früh schon aufgegeben
und bezahlten es mit ihrem Leben.
Als dann nach furchtbar langem Marsch
ich den Quell, von Felsen gut geschützt,
an unberührter Stelle fand,
wurd‘ sie bewacht
von einem metergroßen Barsch.
Ich traute meinen Augen kaum,
so wild wurd‘ dieses Tier,
als ich die Hand ihm reichen wollte.
Er sprang mich an,
konnt‘ gerade noch entkommen –
der Fisch verhielt sich wie ein wilder Stier.
So kam es,
dass ich Steine und auch Felsen
in die Quelle rollte,
die dann versiegte,
und ihr Wächter
ist so umgekommen.
Als ich die Lage nun zu überblicken suchte,
stand hinter mir
ein wunderschönes nacktes Mädchen,
das nach seiner Badestelle Ausschau hielt –
die sie nicht fand –
und furchtbar fluchte.
Ich nahm sie gleich
an diesem unberührten Ort
an meine Hand
und entführte sie
für immer von hier fort
in das von mir
vor langer Zeit verlass’ne Städtchen.
In meiner kleinen Hütte
plätschert nun
der wahre Quell des Lebens.
Es gibt für mich
nun gar nichts mehr zu tun,
und auch die Suche
nach dem Ursprung
war vergebens.
Doch eines habe ich gelernt,
und das zum Schluss,
was ich der Welt
in Barsches Namen
hier noch sagen muss:
„Des Schicksals Wege sind oft unergründlich.
Sie ändern sich und manchmal sogar stündlich.“
Dieses waren seine letzten Worte,
als der Barsch
durchschwamm die Himmelspforte.
.
Baustelle
2009
Baustelle auf der Autobahn. Ich fahre auf der rechten Spur, mit der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h.
Beim Blick in den Rückspiegel sehe ich eine Wagenkolonne auf der linken Spur, mit weit überhöhter Geschwindigkeit, die rechts fahrenden Automobile überholen.
Kopfschüttelnd schaue ich auf die an mir unverantwortlich schnell vorbeifahrenden Wagenlenker in ihren Fahrgastkabinen.
Sie starren stur geradeaus. Verziehen keine Miene. Würdigen mich keines Blickes.
Jetzt habe ich sie erkannt. Längst verstorbene Verwandte, Freunde und Bekannte.
Der letzte Wagen ist nun auch , mit weit überhöhter Geschwindigkeit an mir vorbeigefahren.
Königin
2009
Ich bete ihre Massen an,
die fetten Wülste um den Bauch.
Auf dass sie nie mehr fliegen kann:
Sie ist so prall wie ein gefüllter Schlauch.
Ich schütze unser trautes Heim,
verausgab mich für sie den ganzen Tag.
Die feuchten Höhlen sind wie Leim:
Darin zu kleben, ist es, was ich mag.
Ihr voller Leib ist übersät mit Schwären,
den dreh ich auf dem Bett zur Seite.
Ich kann nur so mit ihr verkehren,
indem ich sacht von hinten in sie gleite.
Das Haus umweht ihr Wohlgeruch,
die Nachbarn scheint’s zu stören.
Es heißt, auf diesem Viertel liegt ein Fluch,
dass Frauen ihre Fruchtbarkeit verlören.
Nur meine Königin gebärt ein jedes Jahr,
ich kann den Nachwuchs kaum ernähren.
Es ist nun eine große Kinderschar,
doch will ich mich nicht beschweren.
Am Tag, an dem sie uns verlassen,
werd ich mich in die feuchten Höhlen legen,
vergrab mich in den weichen Massen,
schlaf ein in ihr und werd mich niemals mehr bewegen.
ES
2008
Ein Etwas hat sich in mir eingenistet,
ich habe ES erst jetzt entdeckt.
ES hat mich irgendwann wohl überlistet
und sich dann in mir versteckt.
ES sitzt ganz tief in meines Kopfes Mitte
und saugt ihn aus wie eine Spinne.
Ihr glaubt, dass ich an Wahnideen litte
und nicht mehr Herr sei über meine Sinne.
ES hat ein Netz in meinem Kopf gesponnen,
mich so um den Verstand gebracht.
ES hat vor Jahren wohl damit begonnen,
ich werde nun von allen ausgelacht.
Als vor Tagen ich vor einem Spiegel stand
und tief mir in die Augen schaute,
hab‘ ich ES gegenüber erstmals klar erkannt –
was ich dann sah, mich nicht zu glauben traute.
ES grinste dreist und frech mir ins Gesicht,
verdrehte seine irren Augen.
Mich selbst fand ich in diesem Spiegel nicht
und verlor nun meinen Glauben.
So schlug ich auf den Irren ein –
das Glas zersprang in meinen Händen.
Ich wollte wieder so wie früher sein
und begann, ihn gnadenlos zu schänden.
Mich hat man dann von diesem Irren weggezerrt,
dann gleich an eine Anstalt übergeben.
Sie haben mich ganz einfach eingesperrt,
doch nur so konnt‘ ES dann überleben.
ES hat sich in den Spiegelsplittern selbst geklont,
wird immer größer und zieht weltweit seine Fäden.
Ich sitze nun im Irrenhaus und ES hat man geschont.
Darüber wollt‘ ich mit dem Präsidenten reden,
doch mein Ersuchen wurde abgelehnt!
So werd‘ ich irgendwann allein die Welt erlösen,
denn danach habe ich mich lange schon gesehnt.
Dann werd‘ ich Euch von ES befreien
und all dem anderen Bösen!
Doch vorerst hat ES sich in Euren Köpfen eingenistet.
Ihr seht ES, wenn Ihr wollt, in Eurem Spiegelbild.
In mir hat ES sein Dasein ganz allein gefristet,
in Euren Köpfen wird sein Hunger nun gestillt!
Einsam im Wald II
Mallorca 2007
Im Wald wurd ich alleingelassen,
konnt’s zum Anfang nicht recht fassen.
Die Bäume alt, das Moos noch feucht,
wusst‘ nicht, was hier noch kreucht und fleucht.
Der Himmel fern, die Schatten lang,
in meinem Herzen wurd‘ mir angst und bang.
Recht klein musst‘ ich gewesen sein,
als man im Wald mich ließ allein.
So viele Jahre sind seitdem vergangen,
als dann die Motorsägen in den Wald eindrangen.
Sie fällten Baum um Baum,
das Wild wurd‘ einfach so erlegt
und dann an Ort und Stelle
gleich zerlegt.
Als sie mich fanden,
schutzlos und ganz nackt,
wurd‘ von ihnen ich
an meinem langen Bart gepackt.
Die Vögel kreischend
aus den Wipfeln flogen,
so wurd‘ ich dann
gewaltsam von hier weggezogen.
In einem Hörsaal
dann zur Schau gestellt,
nicht mal gefragt,
ob’s mir auch recht sei
und gefällt.
Der Wissenschaft
sollt‘ ich nun dienen,
wurd‘ bis ins Innerste erforscht
von finstren Mienen.
Die Spinnen,
Hasen,
Wölfe
und auch die Krähen,
um deren Beistand
ich begann zu flehen,
die Moose,
Flechten,
Sträucher
und die Tannen,
die Tropfen Tau,
die frisch mir
in die Kehle rannen,
den warmen Wind,
der Blumenduft,
den Regen
und den Schnee,
im Sonnenlicht
das ängstlich schöne Reh –
all dies vermiss‘ ich
und wär‘ so gern
bei Euch geblieben,
doch werd‘
von dummen Fragen
hier nun aufgerieben.
Den Professoren
und all den andern
schlauen Leuten,
die sich
an meiner Seelenqual
erfreuten,
schrei‘ ich ins Gesicht,
wenn sie mich sezieren:
„Ich lebte lieber
in dem Wald
und bei den wilden Tieren!“
.
Ein Engel stieg herab
2009
Einst stieg herab zu mir ein holdes Wesen,
ganz goldgelockt, mit großen, weißen Flügeln.
„Hab nichts zu tun, würd‘ gerne mit Dir bügeln.“
Nichts da! Ich gab ihr dafür einen Besen.
Entsetzt, die Flügel fingen an zu zittern,
schalt sie mich einen großen Idioten.
Niemals zuvor hätt‘ sie sich angeboten;
ich konnte ihre Wut und Wildheit wittern.
Ich fragte sie, was sie so zürnen lässt –
und wurde unsanft an die Wand gepresst.
Was sollt‘ ich tun? Ich musste mich ihr fügen.
Als sie dann nicht nur ihre Flügel spreizte
und mich mit ungeahnter Wollust reizte,
erlebte ich ein himmlisches Vergnügen.
Eiszeit
2008
Atem kondensiert zu eisigem Nebel
und unser Blut gefriert unter der Wucht,
mit der wir von den Eismassen
verschlungen werden.
Unsere Gedanken wurden
von Nadeln aus Eis erstochen
und legten sich wie ein Totentuch aus Schnee
um unsere gefrorenen Seelen.
Einige wenige fühlten diese Kälte kommen
und versuchten zu fliehen.
Wie die Vögel … gen Süden –
in die Wärme.
Doch wo konnten sie noch Schutz finden,
wenn selbst die Vögel, zu Eis erstarrt,
aus dem Himmel fallen
und sich die Kälte über das ganze
Erdenrund ausbreitet?
Alles
1989
Alles habe ich besessen,
alles habe ich erlebt!
Jedoch…
In tiefer Stille
habe ich mir aus Nichts
ein Federkleid gewebt
und bin davon geschwebt.
.
